Angelika Kauffmann: Porträt John Reade um 1775. Wallraf-Richartz-Museum & FondationCorboud, WRM 3644. Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_ c021311.

Angelika Kauffmann: Porträt John Reade

Isabelle Hamm und Kristin Hecken

Angelika Kauffmann und das Porträt des John Reade

Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, warum in der Geschichte der bildenden Kunst so selten Künstlerinnen anzutreffen sind? Auch im Wallraf sind Gemälde von Malerinnen aus dem Mittelalter bis hin ins 19. Jahrhundert seltene Fundstücke. Nun, der Grund dafür ist genauso einfach wie ernüchternd: Es gibt kaum welche. Wie in den meisten Lebensbereichen mussten Frauen auch in der Kunst hart dafür kämpfen, genauso wertgeschätzt zu werden wie ihre männlichen Kollegen. Noch im 19. Jahrhundert wurden ihnen künstlerische Fähigkeiten häufig ganz abgesprochen. Umso bemerkenswerter sind daher die wenigen Frauen aus vergangenen Zeiten, die es mit ihren Kunstwerken in die Museen von heute geschafft haben. Sie waren ihrer Zeit nicht nur einen Schritt voraus, sondern leisten bis heute einen wichtigen Beitrag für eine gleichgestellte Gesellschaft.

Eine dieser Künstlerinnen ist Angelika Kauffmann (1741-1807). Nach der künstlerischen Ausbildung durch ihren Vater führte ihre Erfolgsgeschichte die Schweizerin unter anderem nach London. Dort baute sie sich schnell ein großes Netzwerk auf und steigerte ihren Bekanntheitsgrad. Bald darauf zählte sie, zusammen mit lediglich einer weiteren Malerin, Mary Moser, zu den 40 Gründungsmitgliedern der Royal Academy of Arts, eine der bis heute wichtigsten Lehr- und Förderinstitutionen für Kunst und Architektur in Großbritannien. Schließlich ging Kauffmann nach Rom, wo sie sich unter anderem mit Johann Wolfgang von Goethe anfreundete, Besuch von Personen in den höchsten Ämtern empfing und mit Aufträgen überhäuft wurde.

Diese bedeutende Künstlerin ist im Wallraf mit vier Graphiken und einem Gemälde vertreten. Letzteres stifteten die Freunde zu ihrem 150. Jubiläum im Jahr 2007 dem Wallraf – es handelt sich um das Porträt von John Reade. Den Sohn einer britischen Adelsfamilie malte Kauffmann um 1775. Er dürfte mindestens 14 Jahre alt gewesen sein, als das Gemälde entstand. Durch die harmonischen, warmen Farben, die feine, gepflegte Aufmachung und die entspannte Körperhaltung wirkt das Bildnis geradezu lieblich. Habt Ihr schon den goldenen Griff des Degens entdeckt, auf dem der Arm des Jungen ruht? Dezent hat Angelika Kauffmann den Kontrast der zarten Gesichtszüge, der rosigen Wangen und des angedeuteten Degens dargestellt, wobei sie John Reade keines dieser Elemente aufzwingt. Der Junge blickt uns, so könnte man meinen, mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Unschuld an. Kauffmann hatte ein ganz besonderes Talent dafür, nicht nur Äußerlichkeiten mit ihrem Pinsel einzufangen, sondern auch das Wesen ihres Gegenübers einfühlsam wiederzugeben. Wir wünschen Euch und uns, dass wir John Reade bald wieder von Angesicht zu Angesicht bewundern können!

Übrigens: Falls Ihr das Porträt zuletzt im Wallraf vermisst habt, liegt es daran, dass es in der Sonderschau „Angelika Kauffmann. Künstlerin, Powerfrau, Influencerin“ in Düsseldorf gezeigt wird.

Text: Isabelle Hamm (Projektleitung jungekunstfreunde) und Kristin Hecken (Master-Studentin am Institut für Medienkultur und Theater, Uni Köln)

Bildangabe: Angelika Kauffmann: Porträt John Reade um 1775. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 3644. Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_ c021311.