Meister der Kleinen Passion, Martyrium der heiligen Ursula vor der Stadt Köln, Detail, Leinwand (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d000348)

Das Bild Kölns im Mittelalter

Dr. Rosa-Maria Zinken

Meister der kleinen Passion, Martyrium der Hl. Ursula, Köln, um 1411, WRM 51

Dieses Bild besitzt in der Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums eine besondere Bedeutung. Es zeigt nicht nur die älteste Stadtansicht Kölns, vom Deutzer Ufer aus gesehen, sondern es ist in dieser Form zugleich das älteste, nahezu realistische Panorama einer Stadt, das wir überhaupt kennen. Köln wird hier als mittelalterliche Stadt gekennzeichnet durch seinen Mauerring. Auffallend ist, dass innerhalb der Mauern vor allem Kirchen dargestellt sind: der Dom mit gotischen Chor und noch romanischem Westwerk, St. Kunibert, Groß St. Martin und die 1411 neu errichteten Kirchtürme von St. Severin, die auch zur Datierung beitragen; denn es fehlt noch der zwischen 1411-1414 errichtete Rathausturm.
Die Stadtansicht bildet die Kulisse für einen erzählenden Teil, die Legende der Hl. Ursula, die auf der Rückkehr von ihrer Pilgerfahrt nach Rom vor den Toren der Stadt zusammen mit ihren 110.000 Jungfrauen das Martyrium erleidet. Hier ist dieses Ereignis simultan dargestellt in drei Szenen: Flussfahrt, Ankunft und Martyrium, und zwar so, wie es die Legenda Aurea erzählt, mit großem Gefolge, u.a. dem – erfundenen – Papst Cyriacus, in der Nähe des „Ager Ursulanus“ im Norden der Stadt. Dort hatte man die Überreste eines römischen Gräberfeldes als „Ursula-Reliquien“ entdeckt.

Wird in diesem Bild die Stadt schon durch ihre vielen Kirchen als „Heiliges Köln“ charakterisiert, so unterstützt die Ursula-Legende diesen Eindruck. Die Märtyrerinnen heiligen durch ihr Blut nicht nur den Boden Kölns, sondern sie schmücken auch den Himmel. Über die durchaus typische dekorative Funktion der Sterne hinaus erhalten diese eine weitere Bedeutung. Denn es wird, wie am oberen Bildrand zu sehen ist, eine Märtyrerseele von Engeln in den Himmel, zu einem Stern getragen.


Ältestes Stadtsiegel Kölns

Damit steht dieses Werk in der Tradition einer städtischen Selbstdarstellung, wie sie sich schon im Stadtsiegel aus dem 12. Jahrhundert zeigt: Auch hier wird die Stadt durch ihren Mauerring charakterisiert, an Stelle der vielen Kirchen steht in dessen Mitte der Hl. Petrus als Stadtpatron und die Umschrift Köln benennt Köln als SANCTA COLONIA. Schließlich war die Stadt im Hoch- und Spätmittelalter eines der beliebtesten europäischen Wallfahrtsziele, die mit ihrem reichen Reliquien­schatz als Magnet unzählige Pilger anlockte.
Interessant wird jetzt der Vergleich mit einer Kölner Stadt­ansicht, die ca. 70 Jahre später entstanden ist.

Meister der Verherrlichung Mariae, Anna Selbdritt u.a., Köln, um1480, WRM 120-121

Auch hier gibt es wieder eine Zweiteilung der Darstellung. Im Vordergrund treten die Stadtpatrone bildbeherrschend auf, in einem eigenen, durch Fliesenboden und Brokat­vorhang besonders ausgezeichneten Raum und in aufwändiger Ausstattung: Christopherus als Patron der Rheinschiffer und der Pilger, der Märtyrer St. Gereon mit dem typischen Kreuz auf Harnisch und Standarte, St. Petrus, auch als Patron des Doms, und eine Anna selbdritt – zu der Zeit sehr beliebt – mit Maria ebenfalls als Dompatronin.

Dahinter ist unter goldenem Himmel eine Stadtdarstellung zu sehen, aus ähnlicher Perspektive wie ihre Vorgängerin vom Deutzer Ufer aus, doch mit ganz anderem Charakter. Auch hier sind Kirchen zu finden, aber im Zentrum, weiß hervorleuchtend, steht der Rathausturm neben einer großen Zahl von Bürgerhäusern. Hinter der frommen Fassade des Altarbildes erscheint Köln als Bürgerstadt. Ein Zeichen für das Selbstbewusstsein der Bürger des zu der Zeit mit zu den größten Städten Europas zählenden Köln.

Auch die Einbeziehung der Stadtpatrone in das Stadtbild kann als Zeichen Kölnischen Selbstbewusstseins gelten: „dat niemantz der stat von Collen here si dan got und sine hilligen“, wie es in der Koelhoffschen Chronik von 1499 heißt. Dort ist zudem ein Holzschnitt zu sehen, der – wenn auch auf eine andere Zeit bezogen – auf den Anlass dieser Darstellung verweisen könnte: als Dank für die Errettung der Stadt mit Hilfe der Stadtpatrone, die hier auf der Kölner Mauer als Verteidiger der Stadt auftreten. Köln hatte zur Entstehungszeit des Bildes, um 1480, die Bedrohung durch die Truppen Karls des Kühnen von Burgund glücklich überstanden.

Damit ist dieses Bild zugleich ein Zeichen für den ungebrochenen Glauben an die greifbare Hilfe der Heiligen und für das christliche Weltbild des Mittelalters. Heute sind die beiden Kölner Stadtpanoramen beredte Zeugnisse für den Glanz und die Größe der Stadt in dieser Zeit.


Bildnachweise:

∙ Meister der kleinen Passion, Martyrium der Hl. Ursula, Köln, um 1411, Inv.-Nr. WRM 0051 Rheinisches Bildarchiv Köln Reproduktions-Nr: rba_d000348

∙ Ältestes Stadtsiegel Kölns. In: Anton Legner (Hg.), Ornamenta ecclesiae, Bd. 2, Ausst.-Kat. Museum Schnütgen, Köln 1985, S. 60, Abb. D 58

∙ Meister der Verherrlichung Mariae, Anna Selbdritt u.a., Köln, um 1480, Inv.-Nr. WRM 0120-0121, Rheinisches Bildarchiv Köln, 1982, Reproduktions-Nr: rba_c004536

∙ Koelhoffsche Chronik. In: Wolfgang Behringer u. Bernd Roeck: Das Bild der Stadt in der Neuzeit, 1400-1800, München, 1999, S. 35.

∙ Meister der kleinen Passion, Martyrium der Hl. Ursula, Köln, um 1411, Inv.-Nr. WRM 0051 Rheinisches Bildarchiv Köln Reproduktions-Nr: rba_d000348

∙ Ältestes Stadtsiegel Kölns. In: Anton Legner (Hg.), Ornamenta ecclesiae, Bd. 2, Ausst.-Kat. Museum Schnütgen, Köln 1985, S. 60, Abb. D 58

∙ Meister der Verherrlichung Mariae, Anna Selbdritt u.a., Köln, um 1480, Inv.-Nr. WRM 0120-0121, Rheinisches Bildarchiv Köln, 1982, Reproduktions-Nr: rba_c004536

∙ Koelhoffsche Chronik. In: Wolfgang Behringer u. Bernd Roeck: Das Bild der Stadt in der Neuzeit, 1400-1800, München, 1999, S. 35.

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