Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis vor blaugrauem Grund, 1906, Öl auf Pappe, 45,7 x 29,7 cm, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 76/2730

Das Ludwig und seine Frauen

Dr. Inge Schaefer

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1937):
Weiblicher Halbakt mit Hut, 1911, Öl auf Leinwand, 76 x 70 cm

Ernst Ludwig Kirchner porträtierte 1911 in dem Gemälde Halbakt mit Hut seine Dresdner Freundin Doris Grosse. Auf diesem Bild trägt sie ein helles leichtes Kleid, das über ihre Arme hinab gleitet. Ihre Brust ist bereits entblößt, nur die ausgestellten Ellbogen verhindern, dass das Kleid noch weiter hinabrutscht. Doris’ Blick hinter dem weit ausgreifenden Hut bleibt uns verborgen. Damit stellt der Künstler den enthüllten Körper in den Focus der Komposition.

Verblüffend sind die Linienführung und die spontane Malweise dieses Bildes. Kirchner ließ in dieser Zeit seine Modelle nur eine Viertelstunde in einer Pose verharren. Dadurch zwang er sich, den Malprozess auf die Wiedergabe des Wesentlichen zu beschränken. Mit kräftigen Konturlinien bestimmt er die grundlegenden Partien, wie die Oberarme und Schultern, die fast einen einzigen durchlaufenden Bogen bilden. Auch in der Farbgebung verhält er sich zurückhaltend. Es dominiert das kalte Blau, aber das warme Rot setzt die entscheidenden Akzente. Als dieses Bild entstand, war Doris Grosse 25 Jahre alt. Sie war Modistin, hat Kirchner finanziell unterstützt und war ihm im täglichen Leben sein Halt. Der Freund und Kollege Erich Heckel beschreibt sie folgendermaßen: „Sie war von einer seltenen Anschmiegsamkeit und Weichheit und konnte auf seine Launen oder seine Heftigkeit sehr gut reagieren, indem sie ihm nichts übel nahm. Dodo hatte ein bewundernswürdiges Einfühlungsvermögen“. Als Kirchner im gleichen Jahr, als dieses Bild entstand, nach Berlin geht, verlieren sich die Spuren dieser jungen attraktiven Frau. Im Ludwig ist sie uns in diesem Gemälde für immer präsent.

Paula Modersohn-Becker (1876-1907):
Selbstbildnis, 1906, Öl auf Leinwand, 45,7 x 29,7 cm

In diesem späten Selbstporträt wirkt die Malerin mit ihren großen braunen Augen ruhig, gelassen und gefasst. Sie arbeitet mit Braun- und Ockertönen, das Rot der Lippen findet sich wieder in ihrem Kleid, einziges Schmuckstück ist die Bernsteinkette. Inspirieren ließ sich die deutsche Künstlerin bei ihren Selbstporträts von den ägyptischen Mumienbildern, die sie im Pariser Louvre entdeckte. Das extreme Hochformat, die Darstellung im Halbporträt, leicht zur Seite geneigt, mit einfarbigem Hintergrund sind die besonderen Merkmale der kostbaren Zeugnisse aus dem alten Ägypten. Als Modersohn-Becker dieses Bild malte, steckte sie in einer ihrer größten Lebenskrisen. Sie war einsam und unglücklich in Paris und wollte sich von ihrem Mann, dem Worpsweder Maler Otto Modersohn trennen.

Paula Modersohn-Becker war 1876 in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Ihre Mutter und deren Verwandte haben ihre Ausbildung und ihre Karriere als Malerin unterstützt. Doch Paula, die heute zu den wichtigsten KünstlerInnen der deutschen Expressionisten zählt, war zu ihren Lebzeiten nicht anerkannt. Sie konnte fast kein Bild verkaufen und war finanziell von ihrem Mann abhängig. Ihre Ehe verlief nicht immer glücklich. Der bodenständige Modersohn war seiner Heimat verhaftet, während die junge Künstlerin die Inspiration in Paris suchte. Sie war insgesamt vier Mal in der Kunstmetropole, ehe sie sich 1906 dann doch entschloss, nach Deutschland zurückzukehren. Die große Tragik von Paula Modersohn-Becker besteht darin, dass sie 1907 kurz nach der Geburt ihres Kindes 31jährig an einer Embolie verstarb. Zu Lebzeiten nicht anerkannt, zählt sie heute zu den wichtigsten deutschen Expressionisten und das Museum Ludwig hat mehrere ihrer Werke in der Sammlung.

Pablo Picasso (1881-1973):
Frau mit Kinderwagen, 1950, Gips, gebrannter Ton, Metall, Kuchenformen, Kinderwagen, 203 x 145 x 61 cm

Die Skulpturengruppe Frau mit Kinderwagen gehört zu den außergewöhnlichsten Kreationen Pablo Picassos. Aus unterschiedlichen Abfallprodukten kreiert Picasso eine Plastik, die im Zusammenhang mit der Geburt seiner Tochter Paloma steht. Wir erleben hier seine Lebensgefährtin Francois Gilot mit der Tochter im Kinderwagen.
Diese Arbeit ist allerdings kein Porträt von Mutter und Kind im klassischen Sinn, sondern eine Auseinandersetzung mit Form und Deformation. Picasso montiert Fundstücke, die er verfremdet und in einen neuen Zusammenhang stellt. Den gefundenen Kinderwagen setzt er in seiner ursprünglichen Funktion ein, ausgenommen eines der Räder, das er durch ein Sieb ersetzt. Andere Dinge erhalten eine komplett neue Bedeutung, z.B. die stark gebogenen Henkel von großen Krügen formen nun die Gliedmaßen des Kindes, Schrankfüße werden zu Schuhabsätzen und Kuchenformen zu Brüsten. Weitere Körperpartien modelliert der Künstler aus Gips. Schlussendlich fügt die braune Färbung die unterschiedlichen Komponenten zu einem einheitlichen Ganzen zusammen. Das Ergebnis ist eine zwar identifizierbare, aber verfremdete Physiognomie der Figuren. Sie beunruhigen in ihrer monströsen Erscheinung. Sie irritieren und faszinieren gleichzeitig.

Die 21jährige Francoise Gilot lernte im Mai 1943 den vierzig Jahre älteren Künstler kennen. Zehn Jahre war sie Picassos Gefährtin, gebar ihm die beiden Kinder Paloma und Claude. Sie war die einzige Frau, die Picasso verließ und danach ihre eigene künstlerische Karriere verfolgte. Heute lebt die 98jährige Malerin in Paris und New York. Erst kürzlich erzählte sie in einem Interview von ihrem Alltag als Malerin und resümierte über ihr eigenes Leben: „Man muss seinen Rhythmus im Einklang mit der Welt finden. Das Leben ist eine Improvisation. Es gibt keinen Komponisten, der uns die Partitur schreibt. Nur die Gesetze der Harmonie und Takt können uns leiten. Das Leben ist Jazz, eine Reihe von Riffs und Blue Notes. Aber wie schwer fällt es uns oft, diesen Rhythmus zu finden, bevor unser Stück ausklingt und der Vorhang fällt. Vor lauter Lampenfieber greifen wir auf der Bühne die falschen Töne und suchen verzweifelt den Applaus des Publikums bis wir merken, dass der Saal leer ist, schon immer leer war und wir nur für uns spielen“.

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