Pablo Picasso: Buste d`homme au chapeau

Margit Kugel

Picasso und sein „Brustbild eines Mannes mit Hut“ aus dem Museum Ludwig
Eine Bildbeschreibung von Margit Kugel (Arbeitskreis der Freunde)

Das Ölgemälde ist auf den 23. November 1970 datiert, einen Monat nach Picassos 89. Geburtstag am 25. Oktober.

Es gehört zu Picassos Spätwerk, das erst im Laufe der 70er Jahre langsam seine angemessene Würdigung fand. Damals schien es aus der Zeit gefallen, denn im europäisch-amerikanischen Kunstdiskurs war die Malerei für tot erklärt worden. Es dominierte die Konzeptkunst. Performances, Installationen und Objektkunst waren angesagt. Picasso hat sich um solche Diskurse und Kunstmoden wenig gekümmert, er nahm sich die Freiheit, in mannigfachen Techniken und Stilen, die er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hatte, so weiter zu malen und zu zeichnen, wie es ihm gefiel.

Zu seiner Lebenszeit sahen viele das Spätwerk als „unzusammenhängende Schmierereien eines besessenen Greises aus dem Vorzimmer des Todes“, so äußerte sich z.B. Douglas Cooper, eigentlich ein ergebener Freund und Bewunderer. Tatsächlich verfolgte Picasso solche abfälligen Äußerungen in der Presse höchst irritiert.  Werner Spies berichtet, wie der Meister ihm dies widerlegte, indem er rasch und ruhig, ohne abzusetzen, einen makellosen Kreis auf ein Blatt Papier zeichnete. Wie die zahlreichen Graphiken aus der Zeit zeigen, konnte er durchaus sehr präzise und genau arbeiten.

Tatsächlich war Picasso trotz seines hohen Alters immer noch unglaublich produktiv. Er malte sehr schnell, oft 3 Bilder am Tag, wobei er diese genau datierte, wie auch dieses Bild. „Malen gegen die Zeit“, so hat Werner Spies dieses besessene Ankämpfen gegen die entschwindende Zeit auf den Punkt gebracht.

Dieses Gemälde hier ist offenbar mit groben, spontanen, schnellen Pinselstrichen geschaffen. Es ist ganz malerisch aus der Farbe heraus gestaltet. Das Gesicht scheint mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Unter dem breitkrempigen Hut wirkt die Gesichtsfläche wie ein pastos vermalter, ovaler Farbflecken.  Augen, Nase, Augen und Mund sind nur als zeichenhafte Kürzel angedeutet. Das linke Auge ist ein schwarzer Fleck, so dass uns der Mann aus schwarzer, toter Augenhöhle anstarrt. Vielleicht ist es aber auch eine Augenbinde, jedenfalls ein Zeichen von Verletzung und Verlust Der Hintergrund ist in Tönen von orange , rot und braun zum Teil lasierend, also in transparenten Farbschichten vermalt, wobei nach oben hin graue, auch bläuliche Töne dazukommen, so wird eine Feuersbrunst evoziert. Das Gesicht mit dem weißen Schorf darauf erscheint darin wie ein verglühender Körper. Ein rätselhaftes und verstörendes Bild.

Einige Kunstkritiker haben darin ein Selbstportrait des alternden Künstlers gesehen.

Selbstportraits sind in Picassos Werk selten. Hier kann man keine direkte Ähnlichkeit mit Picasso erkennen. Das angedeutete Haar, das das Gesicht umrahmt, war nicht mehr vorhanden, und der Mann trägt anders als der Künstler einen Bart wie übrigens die allermeisten von Picassos männlichen Gesichtern. In ihnen scheint ungewollt, wie er einmal andeutete, das Gesicht seines Vaters auf. Der Verlust eines Auges wäre für den Augenmenschen Picasso sicher eine Katastrophe gewesen, aber vielleicht bezeichnet der schwarze Fleck sein inneres Auge. Wie dem auch sei, man kann das Bild sicher insofern als Selbstportrait einordnen, als ja jedes Portrait auch ein Portrait des Portraitierenden beinhaltet.

Der Hut mit dem angedeuteten Federbusch stammt offenbar aus einer vergangenen Zeit. Er verweist auf die Figur des Musketiers, der seit 1967 in Picassos Oeuvre vermehrt auftaucht. Musketiere waren ursprünglich einfache Soldaten, benannt nach ihrer Waffe, der Muskete. Berühmt wurden sie durch die Bestsellerromane von Alexandre Dumas und ihre zahlreichen Verfilmungen. Sie verkörpern ein bestimmtes Männlichkeitsideal, ein Sinnbild von Kraft. Picasso hat in ihnen, durchaus mit ironischem Unterton, sein alter ego gesehen, eine Art von Selbstbildnis, das für ihn das Abenteuer der menschlichen Existenz mit all ihren Facetten verkörpert. In vielen Bildern des Spätwerks tritt diese Gestalt in der Rolle des stürmischen Liebhabers und Frauenhelden auf, eine Rolle, die Picasso ja auch gerne spielte, wenn auch wohl damals nicht mehr so wie in seinen besten Zeiten.  So gibt es in der Sammlung ein sehr farbenfrohes Gemälde „Musketier mit Amor“ oder ein anderes sehr sinnliches mit dem Titel „Der Kuss“, das ihn in leidenschaftlicher Umarmung einer Dame zeigt, beide 1969 entstanden.

Hier in diesem Gemälde erscheint der Musketier als alter Haudegen, gezeichnet vom Feuer der Schlacht des Lebens, fast zombiehaft wie ein Wiedergänger aus dem Reich der Toten oder wie eine Verkörperung des Ritters von der traurigen Gestalt, dem berühmten Antihelden der spanischen Literatur Don Quichote.

Solche Typen wie die Musketiere findet man bei Velasquez und Rembrandt. Paraphrasen von Gemälden großer Meister der Vergangenheit gibt es häufig bei Picasso. Wie wir von seiner damaligen Frau Jacqueline wissen, hat er sich während einer schweren Erkrankung, die ihn 1963/64 über ein Jahr am Malen hinderte und ihn offenbar die Gebrechlichkeit seiner Existenz erfahren ließ, intensiv anhand von Kunstbänden mit dem Spätwerk Rembrandts auseinandergesetzt.

Im Wallraf befindet sich Rembrandts berühmtes Selbstportrait als alter Mann . In ungeschöntem Realismus hat Rembrandt in pastoser Farbsetzung, die typisch ist für den sog. rauen Stil seines Spätwerks, die Runzeln und Falten des Gesichts als Spuren des Lebens  herausgearbeitet , während andere Details nur angedeutet sind. Bei Picasso verschmelzen die Gesichtszüge unter der groben Vermalung und werden durch zeichenhafte Kürzel radikal vereinfacht. Wie Rembrandt hat Picasso bei der Gestaltung des Gesichts mehrere Farbschichten aufeinandergelegt, so dass die Oberfläche krustig erscheint. Darauf hat er Schlieren in Bleiweiß als Lichter gesetzt.

Von Rembrandt übernommen hat er vielleicht auch die abfallenden Schultern. Sie sind durch 2 Schrägstriche, die ein Dreieck bilden, gekennzeichnet, wodurch unser Blick auf den Kopf gelenkt wird. So tritt uns dieser Krieger nicht, wie bei Militärs üblich, mit breiten Schultern entgegen.

Auffällig ist die strahlend weiße Fläche des Hemdes. Sie ist mit zwei gelben Querstreifen versehen . Das passt nicht zur Kleidung eines Edelmanns des 17. Jahrhunderts, aber erinnert stark an die Ringel-Shirts, die Picasso gerne bei der Arbeit trug und in denen er sich auch ablichten ließ. Also vielleicht doch ein verdecktes Selbstportrait?

 

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