Max Ernst: Das Rendezvous der Freunde

Gabriele Gerlt

Von der Theaterpraxis ausgehend, versetzt sich Gabriele Gerlt in die Rollen der im Werk dargestellten Personen und eröffnet uns so eine völlig neue Perspektive.

Max Ernst: „Das Rendezvous der Freunde“

Dieses große Ölgemälde aus den frühen Jahren von Max Ernst übt eine besondere Faszination aus. 17 Literaten und Maler sind hier, auf dem „Olymp“ der Künste, versammelt.

Wer sind sie? Wie sind sie sich begegnet? Was verbindet sie?
Hier sprechen sie für sich. Beginnen wir mit Gala.

Gala Eluard

„Ich bin die einzige Frau im Bild! Bin ich nicht wunderschön – Mitte zwanzig – mit meinen großen dunklen Augen und meinen schwarzen Haaren? Ich bin Mythos und Muse zugleich!
Niemand weiß genau, wann ich wirklich geboren bin und wie ich eigentlich heiße: Helena Dimitriewna Diakonova aus Kasan an der Wolga. Doch – wie komme ich überhaupt ins Bild? Das ist eine längere Geschichte. Ich versuche mich kurz zu fassen.
1912 schickte man mich auf eine lange Reise in die Schweiz, nach Clavadel bei Davos. Ich hatte Tuberkulose und sollte dort im Lungensanatorium geheilt werden. Kurz vor mir war Paul Eluard eingetroffen. Er hieß damals noch Eugène-Emile Grindel, kam aus Paris und war siebzehn Jahre alt, ein Jahr jünger als ich. Er war froh, dass er seine Ausbildung als Buchhalter unterbrechen konnte! Hier im Sanatorium wurde er nicht nur zum Dichter, sondern avancierte auch zu meinem „Zukünftigen“. Ich war seine Muse, inspirierte ihn (später auch Max Ernst, deshalb bin ich ja auch im Bild), und dann auch Salvador, Salvador Dali, dessen Frau ich später wurde. Doch zurück zu Paul und mir. Paul schrieb unzählige Gedichte über mich, so auch dieses: Dein Lachen ist wie ein Wirbel aus Herbstblättern, die die heiße Luft streifen, sie einhüllen, wenn es zu regnen beginnt.
1914 reiste Paul ab. Wir hatten uns ewige Liebe geschworen, waren heimlich verlobt! Ich versprach, so bald wie möglich nach Paris zu kommen, spätestens mit einundzwanzig. 1916 im August kam ich dort an. Paul war voller Freude: „la petite chérie“ kommt nach Paris!
Doch wie groß war mein Entsetzen, als Paul im November verkündete, er wolle in den Krieg ziehen! Ich war verzweifelt!
Um mich abzulenken begann ich, Literatur vom Französischen ins Russische zu übersetzen. Gleichermaßen Sprachübung und Zeitvertreib. Als Paul vier Tage Fronturlaub erhielt, heirateten wir am 21. Februar 1917 im 18. Arrondissement. Ich trug ein extravagantes grünes Brautkleid. Darin kündigte sich schon meine zukünftige „Karriere“ als „Enfant terrible“ der Surrealisten an. Paul gehörte ab 1919 zu diesem Kreis um André Breton. Ich war die Muse in dieser Bohème. Extravaganz und Libertinage gehörten zum guten Ton. Und so verliebte ich mich in Max, als er zu uns nach Paris kam. Doch das kann Max selbst erzählen – später. Jetzt will André Breton unbedingt zu Wort kommen.“

Andrè Breton

„ 1922 – ich bin gerade 26 Jahre alt – und der „Kopf“ der Gruppe. Ich trage gerne einen roten Schal. Fast wäre ich Arzt geworden, doch dann wurde ich Schriftsteller. Ich gründete vor drei Jahren mit Freunden
die Zeitschrift „Littérature“. Wir erforschten das Unbewusste, machten Hypnoseversuche und schrieben Traumprotokolle. In mir keimte schon mein erstes surrealistisches Manifest! Ich verteidige den Surrealismus! Unsere Methode ist das automatische Schreiben. Wir wollen die Herrschaft der Logik ausschalten und ohne Kontrolle der Vernunft aufschreiben, was sich in uns schreibt. Es sind erstaunliche neue Bilder! Wir werden sie veröffentlichen, ab 1924 in der neuen Zeitschrift „La révolution surréaliste“.
Ich definiere ein für allemal für den Surrealismus: Er beruht auf dem Glauben an die höhere Realität gewisser bisher vernachlässigter Formen der Assoziationen, an die Allmacht des Traums, an das uninteressierte Spiel der Vorstellungen. Der Surrealismus sucht endgültig alle anderen psychischen Mechanismen aufzuheben und sich an ihre Stelle zu setzen in der Lösung der Grundprobleme des Lebens! Doch ich will Sie nicht länger mit theoretischen Gedanken aufhalten. Max Ernst schreibt aus der Sicht des Malers: „Es gehört zu den ersten revolutionären Akten des Surrealismus, den Mythos vom Schöpfertum des Künstlers, diesen Mythos wohl auf immer vernichtet zu haben. Wieso? Ich bestehe auf der rein passiven Rolle des Autors – ich wohne der Entstehung des Werkes bei und verfolge lediglich seine Entwicklungsphasen.“ Doch ich greife vor! Verzeih Max! Nun meldet sich jedoch erst Paul zu Wort.“

Paul Eluard

„Sie haben ja schon gehört, wie ich zur Schriftstellerei gekommen bin. Gala, meine erste Frau erwähnte es schon. 1932 ließ sie sich für Salvador von mir scheiden. Ich schrieb ihr weiter Liebesbriefe und heiratete noch zwei Mal. Doch zurück ins Bild: Da bin ich gerade 27 Jahre alt.
Später wurde ich Kommunist, wie viele meiner Künstlerfreunde. 1938 verließ ich die Surrealistengruppe. Die politischen Differenzen wurden zu groß. Im 2. Weltkrieg tauchte ich ab, im besetzten Paris. Ich engagierte mich in der Résistance. Mich kennt inzwischen jeder in Frankreich. In allen Schulbüchern stehe ich. Ich bin berühmt geworden. Und alle kennen mein Gedicht „Liberté“ (Freiheit), das ich als Résistancekämpfer 1942 geschrieben habe. Es ist sehr lang. Doch lassen Sie mich den Anfang vortragen: „Auf meine Schulhefte, auf mein Pult und die Bäume, auf den Sand – auf den Schnee, schreib´ ich deinen Namen. Auf alle gelesenen Seiten, auf alle leeren Seiten. Stein, Blut, Papier oder Asche – schreib´ ich deinen Namen.“ Übrigens, mit Max verband mich immer eine wunderbare Freundschaft. Wir haben viel zusammengearbeitet. Ich schrieb die Texte und er entwarf dazu Collagen. Und – wenn Sie mich besuchen wollen, dann kommen Sie zum Friedhof „Père Lachaise“ in Paris. Dort bin ich begraben.“

Max Ernst

„1922 – ein schicksalhaftes Jahr! Ich war gerade 31 Jahre alt, hatte in Bonn Kunstgeschichte studiert und meine erste Ausstellung in Köln war geplatzt! Ich verließ meine Frau Lou und meinen Sohn Jimmy. Wir waren in der Sommerfrische in Tirol – und ich reiste nach Paris. Paris, die Stadt der Träume, der Avantgarde! Mit dem Pass von Paul Eluard war ich unterwegs. Ich hatte das Foto ausgetauscht. Schon damals war ich ein
Collage Spezialist. Meine Freunde Paul und Gala Eluard beherbergten mich. Bald bildeten wir ein „Dreigestirn“, waren unzertrennlich und Paul und ich, beide liebten wir Gala. Doch wovon sollten wir leben? Ich schlug mich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Paris lernte ich kennen, indem ich für eine Souvenirfabrik arbeitete. Ich erschuf kleine Eiffeltürme, kleine Notre-Dame Kathedralen, kleine Sacré Coeur Basiliken. Ich stellte Modeschmuck her, schliff Edelsteine. Abends und am Wochenende fiel ich über meine leeren Leinwände her, verbrachte Stunden an der Staffelei. Ich malte im Akkord, in jeder freien Sekunde. Doch – in unserer „Ménage à trois“ entstand ein Wechselspiel von Leidenschaft und Drama. Das Leben zu dritt, zunächst ein Rausch – doch dann ein Albtraum! Eduard floh bis nach Saigon. Wir, Gala und ich, holten ihn zurück – und ich zog aus. Paul und ich, wir blieben Freunde.
Das größte Gemälde aus dieser Zeit ist meine gemalte Collage mit dem Kreis der Surrealisten. Wir befinden uns, bei einer Sonnenfinsternis, auf dem „Olymp“, denn schon damals war uns allen klar, dass wir in die Geschichte eingehen würden. Jeder von uns! Mit seinen Werken, die das Traumhafte und das Paradoxe verkörpern.
Und… wenn Sie wissen wollen, wie es mir weiter ergangen ist in der Liebe und in meinem Künstlerdasein (mit zwei rechten Händen: siehe Gemälde) dann empfehle ich Ihnen das Buch von Marcus Orths: „Max“.

Text: Gabriele Gerlt

Bildangabe: Max Ernst: Au rendez-vous des amis (Das Rendezvous der Freunde), 1922. Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 76/3219, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Oops, Es wurde kein Inhalt gefunden!