Ernst, Max, La vierge corrigeant l'enfant Jésus devant trois témoins: André Breton, Paul Éluard et le peintre, Öl & Leinwand (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c003490)

Max Ernst: Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eduard und dem Maler

Wolfgang Loggen

Warum soll es dem Jesuskind anders ergehen als mir?“ dachte ich schmunzelnd, als ich vor vielen Jahren dieses Bild das erste Mal sah. Seit 1984 gehört es zur Sammlung Ludwig. Schließlich war bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein eine „Tracht Prügel“ (leider!) ein häufiges Instrument der Erziehung. Und da Jesus, wie das Glaubensbekenntnis sagt, auch „wahrer Mensch“ ist – warum sollte es bei ihm eine Ausnahme geben?

Max Ernst, der im katholischen Milieu seiner Heimatstadt Brühl als „Et Kriskink“ bezeichnet und als Fünfjähriger von seinem Vater als Jesuskind mit blonden Locken (s. unser Bild!) gemalt wurde, rechnet in diesem 1926 in Paris vollendeten Bild mit seiner streng katholischen Erziehung ab, die in ihm eine antiklerikale Sicht formiert hat. „Obwohl ich also das Christkind war, bin ich von meiner Mutter, die das Modell der Madonna abgab, versohlt worden,“ sagte Max Ernst zu diesem Bild.

Ernst, Max, La vierge corrigeant l’enfant Jésus devant trois témoins: André Breton, Paul Éluard et le peintre, Öl & Leinwand (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c003490)

Max Ernst übernimmt mit Rot und Blau der Maria die Madonnen-Farbgebung der Renaissance. Die drei Zuschauer im Hintergrund sind nicht – was man denken mag – die Hl. Drei Könige, die zum Jesuskind kommen, sondern religionskritische Zeitgenossen. Einer der Zuschauer, André Breton, soll Max Ernst zu diesem Bild inspiriert haben. Das Motiv des Bildes ist der barocken Darstellung von „Venus züchtigt Amor“ entlehnt. Amor hatte mal wieder andere mit seinen Pfeilen belästigt.

Ein überaus stark angewinkelter Ellbogen zeigt die Heftigkeit der Schläge, so dass sich Jesu Hinterteil rot gefärbt hat.  Der Heiligenschein ist schon runter gepurzelt. Dass Max Ernst seine Signatur ausgerechnet auf diesen Heiligenschein setzte, hat die Kölner Kirchenoberen in den 30er Jahren besonders geärgert. Max Ernst wurde aus der Kirche ausgeschlossen, und die Kirchenversammlung rief ein dreifaches „Pfui!“.

Als Max Ernst als Kind einmal gefragt wurde „Was ist deine Lieblingsbeschäftigung?“ antwortete er „Sehen!“

Dieses Sehen versuche ich immer neu zu weiten im Betrachten der Kunst – gerade in ihrer nicht immer oberflächlichen Aussage.