Paul Klee, Hauptweg und Nebenwege, Museum Ludwig (ML 76/3253 (Museum Ludwig, Köln, Arbeitsfoto, nur wissenschaftliche Nutzung), Köln, Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d000109)

Paul Klee: Hauptweg und Nebenwege

Ralf Ingo Kowalski

WOHIN WOLLEN WIR? 

Auf den ersten Blick erkennen wir eine Menge waagerechter Linien, die mit verschiedenen schräg verlaufenden Linien wiederum Felder bilden. Zwei parallel verlaufende senkrechte Linien verengen sich perspektivisch nach oben und bilden eine Art Hauptweg, von dem Seitenwege abzweigen. Dieser Eindruck wird durch einen hoch liegenden Horizont verstärkt. Man meint von einem Fluss ausgehend auf eine Landschaft mit Feldern zu blicken, die von unterschiedlichem Blau des Himmels begrenzt wird.

Die Flächen in der Mitte des Bildes sind farbig und bilden zueinander verschiedene Farbkontraste (Blau-Orange, Rot–Grün und Lila–Gelb). Die Ölfarben, die auf allen größeren Flächen wie abgeschabt wirken und die in der sehr unregelmäßig aufgetragenen Gipsgrundierung hängenbleiben, erinnern an Pflanzenstrukturen. Teilweise scheint eine weitere dunkel-violette Grundierung durch die Gipsschicht durch. Die Oberfläche des Bildes wirkt in ihrer Textur alt und beschädigt. Schauen sie sich dass Bild an und lassen es auf sich wirken:

Vielleicht stehen Sie in diesem Augenblick auf einer Flussseite, schauen über einen Fluss in eine sonderbare, farblich prächtig veränderte Landschaft. Sie sehen viele Felder – große und kleine, auch Bewässerungskanäle – überhaupt viel Wasser, viel Blau. Die Felder in ihren erdigen Farben deuten daraufhin, dass manche gerade blühen – Gelb und Rot, andere hingegen schon abgeerntet sind und den leichten Ockerton von sandiger Erde haben. Überall sieht man ein Gelborange wie die Farbe der Sonne im Süden. Sie sehen volles Grün und Farben, die fremd und einer fernen Welt angehörig erscheinen. Die Landschaft liegt ruhig dar – bewegungslos, zeitlos eingefangen in einem kurzen glücklichen Augenblick. Vielleicht fühlen sie sich zurück versetzt in Ihre Kindheit und möchten über diesen großen Weg in die traumhaft wirkende Landschaft eintauchen und ihre Geheimnisse ergründen. Geheimnisse die sich wohl hinter den kleineren Wegen verborgen halten.

Paul Klee malte diese Bild in seinem Atelier in Düsseldorf, nachdem er von einer Ägyptenreise zurückgekommen war. Wir können seinen Eindruck von Licht und Farbe aber auch von der geometrisch gegliederten Landschaft im Nildelta nachempfinden. Das Farbenspiel der fruchtbaren Nilebene spiegelt sich ebenso wie die uralte Kultur Ägyptens in der absichtlich beschädigten und geschabten Oberfläche des Bildes, als ob wir auch auf die Textur alter Steine blicken.

Der Titel des Bildes: Hauptweg und Nebenwege sollte als Metapher gesehen werden. Viele von uns hatten im Alltag voll Hektik und Stress kaum Zeit für den Hauptweg des Lebens und finden jetzt, wo das Leben mehrere Gänge herunter geschaltet wurde, Zeit für das Miteinander in der Familie.

Bildangabe:
Paul Klee: Hauptweg und Nebenwege, 1929,
Öl auf Leinwand, 83,7 x 67,5 cm, Museum Ludwig (ML 76/3253 (Museum Ludwig, Köln, Arbeitsfoto, nur wissenschaftliche Nutzung), Köln, Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d000109)